Donnerstag, 05. April 2012
Kategorie: Aktuelles aus Aidenbach

Ausstellung Theo Scherling


Theo Scherlings Vorliebe für das Erdige spricht unmittelbar aus seinen Bildern. Da ist die Farbigkeit, die sandige Töne bis zum Ocker und dunklen Braun. Es sind aber auch die Strukturen: Furchen, Grate, dichte körnige Lagen auf einem pastosen Schichtenbau, Verwehungen und Verwerfungen. Die Brüche im satten Material, die Ausblühungen und Ausbrüche lassen an gewachsene Natur und Naturbewegungen denken. Sie bilden nicht ab, sondern schaffen selbst Landschaft. Der Künstler baut mit Gebirgen aus Sand und Pigmenten, mit Strömen aus Leinöl seine eigenen „terrestrischen Strukturen“ und „Erdschichten“, wie er schreibt. Das Malen erhält im Materialauftrag seinen ersten produktiven Widerstand. Das Bild erzählt im Ergebnis vom Prozess seiner Entstehung. Das Arbeiten in die Tiefe ist keine Frage von Perspektive oder Illusion. Es vollzieht sich als Schichtenbau im Zusammenspiel von Material und Malwerk-zeug. Der Bildaufbau folgt nicht Geographie und Geologie, sondern Gesetzen der Komposition und dem freien Spiel von Farben, Flächen und Linien. Neben dem Erdigen spricht aus den Tafeln Archaisches: Landschaft nicht als Oberfläche, sondern als Fundamentales, als Manifestation von Ursprünglichem und Urkräften. Die Kratzer und rätselhaften Graphismen rufen auch im Betrachter schnell den Spurensucher und –leser wach. Allerdings bietet der Künstler keine Archäologie im Sinne eines analytischen Erschließens von Relikten. Er liefert keine Zusammenlese von Fragmenten zu einem geschlossenen Bild über Region, Epoche oder menschliche Gesellungsform. Vielmehr formuliert er seine Lust an der Entdeckung, ohne das Rätselhafte ganz aufschließen, ohne die Magie enthüllen zu wollen. Die Aura der Erscheinung steht über der allzu schnellen Entschlüsselung, das Sichtbare gibt sich komplex und vielschichtig. Die Botschaft einer solchen Malerei lautet: Um dem Wesen der Dinge nahe zu kommen, empfiehlt sich genaue Wahrnehmung, sinnliche Annäherung und Empathie.
Der Künstler trägt aber nicht nur Bilder, Gedanken und Empfindungen in sich, die der Wirklichkeit einen Echoraum bieten. Er hat auch Werkprozesse entwickelt und ausgebildet, die im Laufe der Zeit zu den seinen geworden sind und Wahrgenommenes einbinden. Ein bestimmtes Motiv oder Thema liegt fern vor Augen. Davor aber stehen der Aufbau des Bildgrunds, die Anlage der Komposition, die Ausführung. Auf diesem Weg gibt es viele Veränderungen und Überraschungen. Ein solches Vorgehen setzt reiches Repertoire, Erfahrung, sicheres Form- und Stilempfinden voraus. Vor allem erfordert es einen virtuosen Umgang mit dem Material. Das Material wird damit selbst zum Motiv. Der Werkprozess erscheint als Parallelprozess zum Wirken der Natur. Linien als Konturen und Flächengrenzen stellen sich durch die Bewegungen der Farbe ein. Der Betrachter vollzieht mit dem Werkprozesse die Entstehung von Formen und Figuren und somit einer Bildwirklichkeit nach, die ihrerseits Brücken zur außerbildlichen Realität schlägt. So kommt es, dass auch aus dem Abstrakten Figürliches herauswächst, dass sich elementare Bauelemente zu konkreten Architekturen verdichten. Manchmal lenken die Titel die Lesart in eine bestimmte Linie. Doch auch da herrscht die Ambivalenz als wichtigstes Strukturelement in Theo Scherlings Werk. Die Bilder lassen sich immer in verschiedene Richtungen öffnen. Die Dinge verändern sich mit jedem neuen Blick, durchwandern Metamorphosen, bleiben in der Schwebe und in Bewegung.
So erklärt sich auch das scheinbare Paradoxon, dass Theo Scherlings Malerei gerade in ihrer Expressivität und offensiven Materialität zur Ruhe kommt. Neben der haptischen Materialität, der Farbkraft und Körperlichkeit spielt aber auch immer die Linie eine zentrale Rolle in den Arbeiten Theo Scherlings. Der Künstler, den man sicher rasch einen leidenschaftlichen, obsessiven Maler nennen mag, ist auch ein sensibler Zeichner. Vor allem ist er ein virtuoser Jongleur des Zeichenhaften, der die Linie als eigenständiges Element, als abstraktes Medium und grafische Gebärde, als Körperkontur und ideelle Begrenzung, fragmentarisch und elementar, unendlich und wandelbar verwendet und variiert. In seinen Bildlandschaften ist sie Spur, Geste, Zeichen und Symbol. Dieses schillernde Zeichenhafte, das vom feingliedrigen Adernwerk bis zu breiten Bahnen reicht, das beschreibt und umschreibt, eingrenzt und ausgrenzt, erfüllt die erdigen Anmutungen und terrestrischen Formationen mit einer archaischen Sprache. Manche Lineaturen erinnern an Graffiti und Höhlenmalerei. Die Vorliebe des Künstlers für alte Drucktechniken trifft sich mit der Vorliebe für das Auflesen solcher zeichenhaften Echos längst vergangenen Zeiten.

Bericht: Dr. Rainer Beßling
Kaponier Kunstverein Vechta

Ausstellungsdauer: 20.04. bis 01.06.12 (Lesesaal/Rathaus)
VERNISSAGE: Freitag, 20.04.12 - 19:00 Uhr